Advent Calendar: Door/Türchen #20

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Sasha

Es war fast Mittag gewesen, als Sasha seine Reise wieder angetreten war. Als er aufgewacht war, hatte er lange überlegt, ob seine Begegnung mit dem Dämmerich nur ein Traum gewesen war, aber dann hatte er sich an die Münze erinnert. Wie er im Dämmerlicht bereits erkannt hatte, war die Münze silbern, ein ihm unbekanntes Zeichen war auf die eine Seite graviert und sah seinem eigenen Wappen recht ähnlich. Auf der Rückseite fand er eine Kombination aus Strichen und Punkten, die in das Metall eingeritzt waren oder daraus hervorragten. Kurz strich Sasha mit dem Daumen darüber und konnte die unterschiedlichen Kerben deutlich spüren. Er wollte diese Münze auf keinen Fall verlieren und verstaute sie sorgfältig in seinem Reisegepäck. Nach einem kurzen Frühstück machte er sich schließlich auf den Weg.

Es dauerte mehrere Tage bis er die nächste Stadt erreichte. Auf seinem Weg dachte er oft daran, wie es wohl sein würde Begleitung zu haben und abends hatte er mehrfach überlegt den Dämmerich zu rufen, um jemanden mit jemandem reden zu können, aber er hatte sich daran gehindert und würde die Münze nur im Notfall verwenden.

In der Stadt machte er sich nun auf die Suche nach einem Schmied. Das eine Hufeisen seines Pferdes war locker, ein weiteres war abgefallen und er hoffte hier jemanden finden zu können der dem Tier half. Am späten Nachmittag fand er die Schmiede und musste sich sogleich eine Predigt des Schmieds anhören, wie unverantwortlich es sei das Pferd so zu reiten. Da er aber sah wie erschöpft Sasha war lud er ihn dennoch zum Essen ein und ließ ihn in seinem Stall schlafen. Beim Abendessen lernte er die Familie des Schmieds und seine Gesellen kennen. Sie waren nette Leute und seine Frau bat um Verzeihung für das Verhalten ihres Mannes, aber Sasha verstand es. Er hatte sich selbst nicht wohl gefühlt dabei mit dem Pferd weiter zu reiten, aber er wusste nicht wie er es dem Pferd hätte leichter machen können. Der Schmied erklärte ihm, dass das Pferd zwar auch ohne Eisen geritten werden konnte, aber es nicht gut war, wenn die anderen Hufe besohlt waren. Bei einem losen Eisen sollte er möglichst auf hartem Boden reiten, bei einem abgefallenen eher auf Weichem, in beiden Fällen aber auf dem schnellsten Wege zu einem Schmied und langsam reiten. Sasha war dankbar für die Erklärung und nahm die Informationen begierig auf.

Die Lehrlinge schauten ihn fasziniert an und einer besonders. Er saß etwas Abseits am Tisch und schien noch nicht lange im Dienst zu stehen. Die Frau des Schmieds warf dem Jungen gelegentlich einen argwöhnischen Blick zu. Wie er später lernte, schlief auch der Lehrling vorerst in der Scheune. Die beiden unterhielten sich über ihre jeweiligen Reisen, aber dann überkam die Müdigkeit Sasha und er beschloss sich bettfertig zu machen und zur Abwechslung mal seine Rüstung abzulegen. Bei dieser Rüstung brauchte er keine Hilfe, wie bei der vom Turnier, aber es war dennoch umständlich und der Lehrling betrachtete ihn neugierig. Als er alle Schnallen gelöst hatte, hob Sasha den Brustpanzer über seinen Kopf und legte ihn dann behutsam zu Boden.
Der Junge starrte ihn mit ungläubigem Blick an „Du bist `ne Frau!“, entfuhr es ihm erstaunt.
Sasha betrachtete ihn für einen Moment und blickte dann an sich herab. Natürlich hatte er eine zierliche Figur, aber das war für Felslinge ganz normal. Dann lachte er auf, als er sich an etwas erinnerte, dass Georg ihm gesagt hatte: Menschen begriffen Felsling-Anatomie nicht sonderlich gut. Der Junge schaute verwirrt zu ihm auf.
„Ich bin keine Frau. In euren Worten bin ich weder das, noch ein Mann“, offenbarte er ihm mit einem Lächeln.
„Wie jetzt?“, fragte der andere nur noch verwirrter.
„Felslinge haben keine Geschlechter wie ihr Menschen, unsere Fortpflanzung funktioniert anders und wir sind nicht darauf angewiesen“, erklärte Sasha ruhig.
Der Junge verarbeitete dies für einen Moment und setzte mehrfach an etwas zu sagen, doch schloss den Mund sofort wieder. Sasha nutzte diese Gelegenheit um sich auch vom Rest seiner Rüstung zu befreien und sein Nachtlager aufzuschlagen, dann setzte er sich auf sein Bettzeug und wartete darauf, dass der Lehrling seine vielen Fragen ausformuliert hatte und diese aussprach.

Es dauerte nicht lange da sprudelten die Fragen nur so aus ihm heraus: „Wie funktioniert das dann mit eurer Fortpflanzung? Habt ihr Familien? Wie werdet ihr aufgezogen? Und wie redet ihr übereinander ohne ‚sie‘ und ‚er‘?”
Sasha lächelte. Er freute sich darüber, dass der Junge ein solches Interesse hatte zu lernen. Sein eigenes Volk lehrte einiges über die Menschen, aber bei den Menschen sah es mit dieser Bildung eher mau aus.
„Wir erzeugen unsere Nachkommen durch Magie, dass ist die einzige Form, die wir Anwenden können, daher haben wir uns auf den Kampf ohne sie spezialisiert. Um einen neuen Felsling zu erschaffen bestimmt der Ältestenrat sieben Felslinge, die einen Teil von sich geben. Diese Teile werden dann in einem Ritual zusammengefügt zu neuem Leben. Das geschieht einmal im Jahr mit bis zu sieben Elterngruppen, um neue Felslinge zu erschaffen. Diese sieben wachsen dann gemeinsam in einem Haushalt auf und werden vom ganzen Dorf aufgezogen und erzogen“, erklärte Sasha und machte eine Pause für neue Fragen, aber der andere nickte nur und sog die Informationen in sich auf.
Natürlich hatte Sasha ihm nur eine Kurzfassung der Geschehnisse gegeben, alles andere hätte zu lange gedauert und schließlich wollte er ja eigentlich schlafen gehen.
„Und was die Bezeichnung angeht, so haben wir in unserem Dialekt das Wort ‚kin‘, das wir verwenden, um über andere zu sprechen“, fuhr er fort.
„Kinn?“, versuchte der Junge nachzusprechen.
„Nein, kin mancherorts auch kien ausgesprochen“, verbesserte Sasha ihn.
„Wie funktioniert das?“, wollte der Junge wissen.
„Wenn ihr zum Beispiel sagen würdet: ‚Er macht sich auf den Weg‘; sagen wir: ‚Kin macht sich auf den Weg‘“, gab kin ihm ein Beispiel.
„Was ist mit: ‚Das ist sein Pferd‘; ‚Das ist kin Pferd‘?“, kam sogleich die nächste Frage.
„Nein, das ist eine andere Form und heißt dann ‚Das ist gaz Pferd‘“, erklärte Sasha.
„Klingt kompliziert“, kommentierte der Junge.
„Ist es nicht. Unser er und sie ist kin und für sein und ihr-Formen verwenden wir gaz“, tat Sasha mit einem Schulterzucken ab.
„Gas?“, versuchte sich der Junge erneut an der Aussprache.
„Gaz. Mit einem Z-laut und kurzem a“, verbesserte Sasha erneut.
„Ah. Ich glaub das musst du mir morgen genauer erklären. War das jetzt richtig?“, fragte der Junge vorsorglich.
Sasha lachte auf: „Ja Du verwenden wir genauso wie ihr – und Höflichkeitsformen“
„Na dann will ich dich nicht länger vom Schlafen abhalten! Gute Nacht, Sasha!“, beschloss der Junge und stand auf.
„Gute Nacht, Damian“, erwiderte Sasha und legte sich hin.
Es dauerte nicht lange, da hatte der Schlaf kin auch schon überkommen.

Hinter den Kulissen

Mit Sasha‘s Geschichte geht es weiter hinter dem 23. Türchen.

Wenn ihr in der Zwischenzeit bei den anderen vorbei schauen möchtet, dann startet neu bei Türchen 1 und entscheidet euch zwischen Damian und Mina.

Hier haben wir ein zweites Zusammentreffen der Charaktere. Wie kommt Damian wohl in die Schmiede? Das müsst ihr schon selbst nachlesen. 😉

Auf alle Fälle an dieser Stelle ein Dankeschön an Jenni für die Infos zum Reiten mit losen/fehlenden Hufeisen!

Auch interessant ist aber denke ich die kin-Geschichte.

Aus irgendeinem Grund habe ich mir von Anfang an in den Kopf gesetzt, dass ich einen geschlechtsneutralen Charakter in die Geschichte einbauen möchte. Mein Hauptproblem war allerdings, dass es im Deutschen kein vernünftiges Wort dafür gibt bzw. die, von denen ich gelesen habe, fühlten sich für mich irgendwie seltsam und unpassend an.

Was macht man in einem solchen Fall? Man setzt sich mit der Grammtik-begeisterten Person im Bekanntenkreis zusammen und denkt sich ein eigenes aus. >_<
Naja, gefühlt habe ich nur den Grundsatz mit “kin” geliefert (schließlich endeten die ganzen Wesen in der Geschichte bis dahin alle -ling und kin ist im Prinzip die abgewandelte Englische Form davon) und SaJaehwa hat dann die ganze Arbeit geleistet und “gaz” (von “ingaz”, einer Urform von ling) als Possesiv-Form noch dazu getan.

Für die folgenden Kapitel mit Sasha habe ich mich entschieden – jetzt da die Katze sozusagen aus dem Sack ist – die Form auch in der Beschreibung zu verwenden, also hier eine Übersicht über die verschiedenen Formen:

er/sie – kin
seiner/ihrer- gaz
ihm/ihr – kim
ihn/ihr – kin

Possessiv:
seine/ihre – gaze
seinem/ihrem – gazem
seiner/ihrer – gazer
seinen/ihren – gazen
seines/ihres – gazes

Versucht euch doch mal selbst daran, diese Pronomen anzuwenden, vielleicht setzen sie sich ja durch. 😉

Also dann, hoffe euch gefällt die Geschichte bisher.

Bis Morgen,

PoiSonPaiNter

© Für Geschichte und Charaktere liegen bei mir. Verwendung oder Weitergabe nicht ohne meine Zustimmung.

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Lies auf Deutsch

It was about midday when Sasha had continued his journey. When he had woken up, he wasn’t sure if his meeting with the Darkrich had only been a dream, but then he remembered the coin. Like he had seen in the light of dawn, was the coin made of silver, an unfamiliar sigil was engraved on one side and looked quite similar to his own coat of arms. On the backside he found a combination of lines and dots that were carved into the metal or stuck out from it. For a moment Sasha ran his thumb across it and could clearly feel the different notches. He didn’t want to lose the coin by no means so he stashed it carefully in his luggage. After a short breakfast he continued on his way.

It took him several more days until he reached the next town. On his way he had often thought about what it would be like to have a travelling companion and in the evenings he more than once considered calling the Darkrich, just to have someone to talk to, but he had decided against it and would keep the coin for emergencies.

In the town he went to search for a blacksmith. One shoes of his horse was loose, another had fallen off and he hoped to find someone that could help the beast. Late in the afternoon he found the smithy and right away got berated by the blacksmith at how irresponsible it was to ride his horse like that. But as he saw how exhausted Sasha was he invited him for dinner and let him stay in his stables. At dinner he met the smith’s family and his apprentices. They were nice people and his wife excused his husband’s behaviour, but Sasha understood. He hadn’t felt good riding the horse like that, but he didn’t know how to make it easier for the horse. The smith told him that horses could be ridden without shoes, but it wasn’t a good thing if the other hooves soled. With a loose shoe he should ride on hard ground if possible, with a missing shoe preferably on soft ground, but in both cases he should slowly ride to the nearest smith without detours. Sasha was grateful for the explanation and eagerly took in the information.

The apprentices looked at him in fascination, one of the especially. He sat a bit aside at the table and didn’t seem to be in training long. The smith’s wife occasionally looked at him in suspicion. As he later learned did the apprentice sleep in the stables as well for now. The two of them talked a bit about their respective journeys, but then tiredness overcame Sasha and he decided to get ready for bed and for once take off his armour. With this armour he didn’t need help, like with the one he had used for the tourney, but it was still difficult and the apprentice watched him curiously. When he had opened the buckles Sasha pulled the breastplate over his head and gently put it on the ground.
The boy stared at him in disbelieve “You’re a woman!” He exclaimed astonished.
Sasha looked at him for a moment and then looked down at himself. Of course he had a dainty physique, but that was normal for Stonelings. He started laughing, as he remembered something Georg had told him: Humans could rarely grasp Stoneling anatomy. The boy looked up to him in confusion.
“I’m not a woman. In your words I am neither that nor a man”, he revealed with a smile.
“What?” The other asked even more confused.
“Stonelings don’t have genders like you humans, our reproduction works different and we do not depend on that”, Sasha explained calmly.
The boy worked through this for a moment and more than once tried saying something, but closed his mouth again. Sasha used this opportunity to remove the rest of his armour and prepare his night’s lodgings then he sat down on the bedding and waited for the apprentice to formulate all the questions he had and ask them.

It didn’t take long before the question sputtered out of him: “How does your reproduction work then? Do you have families? How are you raised? And how to you talk about each other without ‘she’ and ‘he’?”
Sasha smiled. He was happy that the boy had such an interest in learning. His folk taught a lot about humans, but humans rarely had such an education.
“We create our offspring through magic, it is the only form we can use therefore we specialized in fighting without it. To create a new Stoneling the council of the Elders chooses seven Stonelings that give a part of them. These parts are then merged in a ritual into new life. This happens once a year with up to seven groups of parents to create new Stonelings. These seven grow up together in a household and are taught and raised by the whole village”, Sasha explained and paused, waiting for new questions, but the other only nodded and took in the information.
Of course Sasha had only told the short version of what was happening, everything else would have taken too long and he did want to go to bed after all.
“And regarding the pronouns, we have the word ‘kin’ in our dialect that we use when we talk about others”, he continued.
“Cin?” The boy tried pronouncing it.
“No, kin in some places even pronounced kien”, Sasha corrected him.
“How does it work?” The boy wanted to know.
“For example, if you want to say: ‘He was on the road’; we say: ‘Kin was on the road’”, kin gave him an example.
“What’s with: ‘That is his horse’; ‘That is kin horse’?” Came the next question right away.
“No, that is a different form and we say: ‘That is gaz horse’”, Sasha explained.
“Sounds complicated”, the boy commented.
“It isn’t. Our he and she is kind and for your his and her-forms we use gaz”, Sasha brushed off with a shrug.
“Gas?” The boy again tried the pronunciation.
“Gaz. With a Z-sound and a short a”, Sasha corrected him again.
“Ah. I think you have to explain that to me more thoroughly tomorrow. Was that right now?” The boy asked cautiously.
Sasha laughed: “Yes we use you the same way as you – and the polite forms of addressing someone”
“Well then I won’t keep you longer from sleeping! Good night, Sasha!” The boy decided and got up.
“Good night, Damian” Sasha returned and lay down.
It didn’t take long until sleep had already overcome kin.

Behind the Scenes

Damian‘s story will continue behind the 22nd door.

If you want to see what the others are doing in the meantime, go back to the 1st door and choose between Mina and Sasha.

Here we have a second meeting of the characters. How does Damian get into the smithy? You’ll have to read that yourself. 😉

Either way at this point I’d like to thank Jenni for the information regarding the riding with loose/missing horse shoes!

Also interesting is probably the kin-story.

For some reason I got it into my head from the beginning that I wanted to include a gender neutral character into my story. My main problem, however, was that there isn’t a proper word for that (in German) or at least the ones I read about simply felt weird and unfitting.

What to do in such a case? You sit down with a gramma-enthusiast in your circle of friends and think up your own. >_<
Well, it feels like I only delivered the basis with “kin” (after all, all the creatures in the story all until then ended with -ling and kin is more or less the modified English version of it) and SaJaehwa then did all the work and added “gaz” (from “ingaz”, the original form of ling) as possesiv form.

For the following chapters with Sasha I decided – now that the cat is out of the bag so to speak – to use the form in the descriptions, so here you have an overviw of the different forms:

he/she – kin
his/her – gaz
him/her – kim

Possessive:
his/hers – gaz
himself/herself – kimself

Try using this pronoun yourself, maybe it’ll become accepted. 😉

Anyway, I hope you like the story so far.

See you tomorrow,

PoiSonPaiNter

© For the story by me. Do not use or repost either without my permission.

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