Die Mär fürs Volk

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Im Rahmen des Märchensommers  beschäftigt sich Gastautorin Eva-Maria “Variemaa” Obermann mit der Frage, ob die Grimmschen Märchen überhaupt “Volksmärchen” sind, oder in anderen Worten:

Die Mär fürs Volk

Das Volk, was ist es eigentlich. Der Duden definiert es an erster Stelle als „durch gemeinsame Kultur und Geschichte [und Sprache] verbundene große Gemeinschaft von Menschen“. Erst danach werden Landes- und Staatsgrenzen genannt. Als die ersten Märchen gesammelt wurden sah das noch etwas anders aus. Das Zeitalter der Romantik kannte die Monarchie, ein aufstrebendes Bürgertum, Stände und die Gewalt der Aufklärer. Die Französische Revolution 1789 war ein abschreckendes Beispiel gewesen, die Napoleonische Kriege bis 1815 noch viel mehr. Nach der vernunftstrebenden Aufklärung, die dem Grauen nichts entgegenbringen konnte, stand die Romantik unter der Rückbesinnung auf Monarchie, Christentum und Aberglaube. Kein Wunder also, dass das Grimmsche Wörterbuch (ja, die Brüder Grimm haben nicht nur Märchen gesammelt, sondern auch Wörter) „Volk“ etwas anders sieht:

eine besonders bedeutsame wandlung tritt in der zweiten hälfte des 18. und der ersten des 19. jhs. ein. die ästhetischphilosophische bewegung veredelt den begriff des volkes als des ursprungs des werthvollsten pcetischen gutes, schöpferischen phantasielebens, naturbedingter sitte, indem zugleich der werth der den oberen gesellschaftschichten vorbehaltenen bildung herabgesetzt wird“.

Auch durch die Abgrenzung zu Napoleon wird „Volk“ national aufgeladen. National und Natürlichkeit werden geradezu synonym verwendet. Der Ursprung steht im Vordergrund. Ob von Wörtern oder Geschichten ist egal. In der Literaturwissenschaft entsteht die Etymologie, die sich mit der Herkunft der Wörter befasst. Aber wie sehr sind die Kinder- und Hausmärchen von Jacob und Wilhelm Grimm eigentlich Volksmärchen?

Die Kunst des Volkes?

Die Trennung wird braven Abiturienten immer genau beigebracht. Ein Volksmärchen ist origin, es ist eine mündliche Erzählung, die immer weitergegeben wurde, bis jemand sie aufgeschrieben hat. Meist steckt ein wahrer Kern dahinter, allemal eine Lehre, die weitergegeben wird. Ein Kunstmärchen dagegen ist artifiziell. Ein Schriftsteller hat es sich von Anfang bis Ende ausgedacht. Es mag eine Lehre haben, vielleicht bezieht es sich auch auf ein reales Ereignis, aber die Zusammenhänge, Figuren, Handlungen sind frei erfunden. Das Volksmärchen ist ein Gerücht, das Kunstmärchen eine Geschichte. Aber ist es wirklich so einfach? Ich bleibe für den Moment beispielhaft bei den Grimms. Zwei angesehene Herren aus gutem Hause. Die haben sich gedacht, es wäre nett, Geschichten zu sammeln und zu verbreiten. Tolle Idee. Die beiden waren gut gebildet, hatten studiert, kannten unter anderem Brentano, Arnim und Droste-Hülshoff. Sie suchten nicht etwa bei Bauern und Gauklern nach ihren Märchen, sondern in jener gehobenen Bildungselite. Es ist keine unglaubwürdige Kritik, dabei anzumerken, dass Ursprünglichkeit sowie die Zugehörigkeit zum „Volk“ wie es das grimmsche Wörterbuch versteht anzuzweifeln ist. Märchen sind voll von reichen Helden, Prinzessinnen, Rittern. Weil die Menschen, die sie zusammentrugen schon keinen Blick für „das gemeine Volk“ hatten. Volksmärchen sind also so schon ein streitbarer Begriff.

Gekünstelt für das Volk?

Zur Realsatire wird er, wenn ein Faktum offengelegt wird, das wirklich vielen unbekannt ist: die Märchen der Grimms sind keine mündlichen Überlieferungen. Zum einen wurden sie aufgeschrieben und entzogen sich damit der regelmäßigen Veränderung beim Erzählen (etwa so wie bei stille Post). Zum anderen wurden sie editiert. Ich begegne immer wieder Literaturwissenschaftlern und Märchenliebhaber, die das nicht wissen. Nachdem die ursprüngliche Fassung der „Hausmärchen“ wenig Absatz und dafür starke Kritik fand, weil sie voller Blut, Sex, Gewalt, Mord, etc. waren, überarbeiteten die Brüder Grimm die Texte stark und entschärften sie. Wenn Eltern sich heute beschweren, die Märchen wären nicht kindgerecht, weil die Hexe im Ofen landet oder Aschenputtels Schwestern die Ferse abgeschlagen wird, kann ich darüber nur müde lächeln. Ich bin mir sicher, wenn Dornröschen noch immer vergewaltigt würde und erst erwachen könnte, wenn ihr Kind zur Welt kommt, wären abgeschlagene Fersen oder brennende Hexen das geringste Problem. Und das war nur ein Beispiel. Von „origin“ kann also bei den „Volksmärchen“, die wir heute kennen kaum die Rede sein. So recht mag man sie aber auch nicht Kunstmärchen nennen, denn da sind die Handlungen wesentlich tiefer, ausgereifter und voller Facetten. Das macht sie oft schwerer zu verstehen und die meisten werden entweder von Erwachsenen gelesen oder für Kinder nur disneyhaft aufgearbeitet. Die kleine Meerjungfrau opfert sich und wird zum Schaum der Wellen. Aber Arielle bekommt von Papi neue Beine geschenkt. Das ist die gleiche Art und Weise zielgruppenorientiert umzuschreiben.

Gibt es überhaupt Volksmärchen?

Das Problem bei der Sache ist, dass editierte Texte wie die der Grimms, die ja bereits nur aus einer kleinen Gruppe der Gesellschaft stammten, die ursprünglichsten Märchen sind, die wir kennen. Denn das einfache Volk konnte in der Romantik selten lesen oder schreiben. Und wenn, dann hatte es andere Dinge zu tun, als eine alte Mär festzuhalten, die eh jeder auswendig kannte. Arbeiten und ums Überleben kämpfen zum Beispiel. Und irgendwann, zwischen Feld und Industrialisierung, fehlte auch die Zeit diese Geschichten zu erzählen. Sie wurden zu alten Sagen, einer Zeile in einer Chronik oder gerieten einfach in Vergessenheit. Hier zeigt sich mal wieder, wie nahe Geschichte und Geschichten beieinanderliegen. Beides benötigt ein gewisses Maß an Bildung und darum blieb immer der Teil auf der Strecke, dem der Zugang zu dieser Bildung verwehrt wurde. Wenn wir Volksmärchen lesen, müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass sie weder vom Volk stammen noch für das Volk gedacht waren, sondern als „Hausmärchen“ dem Bildungsbürgertum vorbehalten waren. In die Hütten kamen sie kaum.

Die Gastautorin:

Eva-Maria Obermann ist Literaturwissenschaftlerin, Autorin und Bloggerin. Gerade promoviert sie, schreibt am letzen Teil ihrer “Zeitlose”Trilogie und wartet auf das Ende der Ferien, denn mit drei Kindern zu Hause ist die Zeit knapp. Sie mag ungewöhnliche Gedankengänge, Vielfalt und Details, die es zu entdecken gilt.

Autorenblog: Schreibtrieb
Facebook: Eva-Maria Obermann
Twitter: Variemaa

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The Tale of Chen

As part of the Fairy Tale Summer Guest Authoress Eva-Maria “Variemaa” Obermann mulls over the question, whether or not the Fairy Tales of the Brothers Grimm are actually “Folk Tales” or in other words:

The Tale for the Folk

What does ‘folk’ even mean in the first place? The Duden (translator’s note; a German dictionary) mainly defines it as follows: ‘a greater society connected through shared culture and history [and language]’. National and international boundaries are only mentioned afterwards. This view was slightly different when the first Fairy Tales were collected. The era of the romantic was dominated by the monarchy, a striving middle class, social ranks and the violence of the proponents of the Enlightenment. The French Revolution in 1789 had been a dissuasive example, the Napoleonic Wars even more so. After the reason-seeking Enlightenment wasn’t able to oppose the terror, the Romantic era returned to be themed with monarchy, Christianity and superstition. So no wonder that Grimm’s Dictionary (yes, the Brothers Grimm did not only collected Fairy Tales but also words) defines ‘Folk’ a bit different:

‘an especially significant change occurs in the second half of the 18th and the first half of the 19th century. The aestheticphilosophic movement refines the concept of folk as the origin of the most valuable poetic asset, imaginatively phantasy-life, naturalconditioned tradition, in which at the same time the value of the higher class reserved education gets lessened’.

Through the dissociation of Napoleon ‘folk’ gets nationally loaded. National and naturalness are used downright interchangeably. Origin takes priority. No matter if regarding ‘word’ or ‘story’. From literary studies rises the etymology which deals with the origin of a word. But to which extend are the Fairy Tales from Jacob and Wilhelm Grimm Folk Tales?

The art of the folk?

Well behaved A-Level Students get the difference hammered into them strictly. A Folk Tale is origin, a story passed on by way of mouth which eventually got written down. It often harbours a truth at its core and most certainly a lesson to be learned and passed on. A literary Fairy Tale is artificial. It is made up by an author from the beginning to the end. There may be something to be learned or it may even be loosely leaned on a real event, but the coherence, figures and actions are fictitious. The Folk Tale is a rumour, the Literary Fairy Tale a story. But is it really that easy? My way of example will be the Grimm’s again for the moment. Two reputable gentleman of good family. They thought collection and distributing stories would be nice. Great idea. They were decently educated, finished their studies, were acquainted with, among others, Brentano, Arnim and Droste-Hülshoff. In their search for Fairy Tales they wouldn’t approach farmers or gleemen but the sophisticated academic elite. It is no implausible critique to mention that origin and affiliation to the ‘folk’, as defined by Grimm’s dictionary, is to be queried. Fairy Tales are full of rich heroes, princesses, knights. Because the people who collected them where without awareness for the ‘commonalty’. Thus Folk Tale is an arguable term to begin with.

Artificiality for the folk?

It becomes satirical reality when a fact is revealed that’s widely unknown: Grimm’s Fairy Tales are no oral lore. On one hand they were put down in writing and thus deprived from natural alterations while being narrated (like the game Chinese Whispers). On the other hand they got edited. I frequently come across literary scholars and Fairy Tale enthusiasts who are not aware of that particular fact. After the original version of those ‘household’ Fairy Tales made no pull in sales but instead garnered harsh criticism because they were full of blood, sex, violence and so on, they got reworked by the Brothers Grimm and alleviated. When parents nowadays complain about Fairy Tales not being suitable for children because the witch ends up in the oven or Cinderellas sister gets her heel cut off, I only have a weary smile for them. I’m quite confident that if Sleeping Beauty still got raped and could only awake through giving birth to her child, the cut off heels and burning witches would be the least of their worries. That being only an example. Thus the word ‘origin’ is hardly fitting for today’s ‘Folk Tales’. Literary Fairy Tale won’t fit quite either because in those the actions tend to run deeper, are better developed and full of different facets. This makes them harder to comprehend and more likely to be read by adults or to underrun some disneyfication for children. The Little Mermaid sacrifices herself and becomes meerschaum. Arielle gets some new legs from daddy instead. That’s the same way to rewrite something target-group-specific.

Do Folk Tales even exist?

The problem lies therein that edited texts like those of the Grimm’s are already the most origin Fairy Tales we know of, even though they’re sourced by a limited group of people. The commonalty was rarely able to read or write most of the time. And if they did they hardly had the time to write down a Fairy Tale that everybody knew by heart because they had more important things to do. Working and fighting for one’s existence, for example. And somewhere between field and industrialization even the time for oral lore got lost. They became old Myths, a simple line in a chronicle or vanished completely. This showcases once more how closely story and history lie together. Both need a moderate amount of education and thus always those fell by the wayside that got denied education. When we read Folk Tales we have to be aware that they are neither written by nor for the folk but are instead ‘household’ tales reserved for the educated middle class. They seldom reached a shack.

The Guest-Authoress:

Eva-Maria Obermann is a literary scholar, authoress and Blogger. She’s currently does her doctor’s degree, writes the last part of her “Zeitlose” (Timeless) Tilogy and awaits the end of the summer holiday, as it the time is short with three kids at home. She likes unusual trains of thoughts, variety and details, that are to be discovered.

Autorenblog: Schreibtrieb
Facebook: Eva-Maria Obermann
Twitter: Variemaa

Credit for the translation goes to Cupric. Thanks for helping out here!

PoiSonPaiNter

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