Adventskalender: Türchen #17

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Abschied und Erinnerungen

Nicole, Nikolai, Klaus … sie alle bemühten sich wirklich um Nicholas. Dieser jedoch antwortete wenn überhaupt nur recht einsilbig. Nicht einmal der Sonnenschein Carlos mit seiner fast unerschütterlichen Frohnatur konnte ihn aufheitern, obwohl er sich redlich bemühte. Katrin versuche ebenfalls ihn zu erreichen, was immerhin etwas besser gelang, als bei seiner Familie. Aber auch wenn er etwas aus seiner Lethargie erwachte, tat er nicht sehr viel mehr als sich entschuldigen.

Daher beschloss die Familie ihn vom Begräbnis für den Krampus fernzuhalten. Alles wurde so geplant, dass er am Morgen mit Katrin aufbrechen konnte, um diese nach Hause zu bringen, während der Rest des Dorfes dem Verstorbenen die Letzte Ehre erwies. Immerhin war er ein Teil der Familie gewesen.

Still ging Nicholas an Katrins Seite durchs Dorf. Warum auch immer, sie hatte darauf bestanden, sich von einigen Bewohnern persönlich zu verabschieden. So auch von Carlos. Während sie hinein ging, wartete er vor der Tür, starrte hinüber zur Fabrik. Erneut lief die ganze Szene wie wie ein Film in seiner Erinnerung ab. Er suchte nach einer Möglichkeit, wie er die Situation hätte retten können, ohne den Krampus zu töten. Aber er fand keine. Außer wenn er Katrin gar nicht erst hierher gebracht hätte. Oder hätte er doch versuchen sollen, mit ihm zu reden. Sicher hätte es eine Möglichkeit gegeben.

Unwillig schüttelte er den Kopf, drehte sich um und sah durchs Fenster, wie Katrin von Carlos im Arm gehalten wurde. Eifersucht wallte in ihm auf. Schon unter normalen Umständen wäre es unmöglich gewesen, auch nur eine Freundschaft mit Katrin in Erwägung zu ziehen. Aber sie dann mit Carlos zu sehen, der das Dorf jederzeit verlassen konnte … das tat weh. Mehr als es sollte und er erwartet hatte.

Wenig später öffnete Nicholas das Portal, das Katrin nach Hause bringen sollte. Eigentlich hatte er ja vorgehabt, sie mit dem Schlitten zu fahren, aber die Familie war dagegen gewesen.
Schweigend gingen sie den Weg vom Wald bis zu Katrins Haus. Sie setzte mehrmals an, um etwas zu sagen, entschied sich aber doch immer wieder dagegen. Sie hatte ihre Hände tief in ihre Taschen vergraben und nicht wie so oft in den vergangenen Tagen an seinem Arm. Ein Teil von ihm hätte gerne in diesen letzten Minuten noch einmal ihre Nähe gespürt, dem anderen war es lieber, dass sie Abstand voneinander nahmen. Immerhin würde er sie vermutlich sowieso nie wieder sehen.

Vor ihrer Tür angekommen stellte er ihre Rucksack ab. Er wusste nicht, was er sagen sollte und starrte einfach nur auf den Boden.

“Bis Weihnachten?” Ihre Worte ließen ihn aufblicken. Katrin sah ihn intensiv an. Ein Blick, den er nicht deuten konnte. Er wollte, dass es bedeutete, dass er ihr wichtig war. Aber konnte er das sein? Nach allem was passiert war? Er wusste es nicht, bezweifelte es.

„Ja natürlich“, erwiderte er daher schwach, wandte sich ab und ging.

Als er durch das Portal zurück nach Haus kehrte fühlte er eine Kälte, die nach ihm griff. Schob das aber auf seine allgemein nicht gute Verfassung und legte sich einfach ins Bett. Am Liebsten würde er alles vergessen. Nicht das was mit Katrin zu tun hatte, aber den Rest. Warum hatte er es nur soweit kommen lassen? Wie dumm konnte man eigentlich sein? Es gab all die Regeln ja nicht zum Spaß! Tatsächlich würde er aber um Katrin zu beschützen jederzeit wieder so handeln. Absprache hin oder her, dass sein Bruder ihm das unter die Nase gerieben hatte schmerzte. Auch wenn es ein Wunder war, dass Katrin überhaupt noch mit ihm redete, nachdem er zum Mörder geworden war. Sie behauptete zwar dankbar zu sein, aber er sah ihr an, dass auch sie ihn insgeheim dafür verurteilte. So wie auch seine Familie.

Da er auch nach Stunden keine Ruhe geschweige denn Schlaf finden konnte, schlüpfte er wieder in seine Kleidung. Vorsichtig lauschte er, er wollte niemandem von seiner Familie begegnen. Endlich hatte er die Haustür erreicht und trat hinaus in die Nacht. Er lief durch das schlafende Dorf, sah in den Himmel, ließ sich einfach treiben. Ebenso wie seine Gedanken, ohne ein bestimmtes Ziel. Und doch landete er immer wieder bei dem „Was-Wäre-Wenn“ … Wenn er nicht bei Katrin gelandet wäre, wenn sie nicht diesen Brief geschrieben hätte, wenn … wenn … wenn … Es war einfach frustrierend.
Mit Katrin hatte sich alles viel leichter angefühlt, einfacher. Jetzt war dieses Gefühl weg, begraben unter seinem schlechten Gewissen, den Zweifeln, die er einfach nicht los wurde.
Kein Wunder, dass keiner ihn mochte. Schon gar nicht Katrin. Er hatte sie beinahe umgebracht. Nicht nur sie, er hatte das ganze Dorf in Gefahr gebracht. Dass er den Krampus nicht selbst befreit hatte, spielte da auch schon keine Rolle mehr.

Als der Morgen hereinbrach ging er zurück ins Haus. Das Letzte was er brauchen konnte waren Vorhaltungen seiner Mutter, warum er nicht zum Frühstück gekommen war. Und ganz sicher hatten seine Geschwister auch noch ein paar Worte mit ihm zu wechseln.

Während er mit den Anderen am Tisch saß und so tat als höre er ihnen zu, ging er wieder und wieder ihren Abschied durch. Natürlich fielen ihm jetzt tausend Dinge ein, die er hätte sagen können. Witzige Dinge, charmante Dinge, nette Dinge. Alles besser, als „Ja, natürlich“, jedenfalls.
Aber die Chance hatte er verpasst. Wahrscheinlich würde sie nicht mal da sein, wenn er mit dem Schlitten vor ihrem Haus halt machen würde. Wieso sollte sie auch auf ihn warten? An ihm war nichts Besonderes. Er war nicht einmal der einzige Weihnachtsmann. Nicholas hatte genau gesehen, dass sie über diese Information sehr überrascht war. Bestimmt dachte sie, dass er es alleine nicht auf die Reihe bekäme, genau wie seine Geschwister. Und wahrscheinlich hatte sie sogar recht. Er konnte ja nicht mal in seinem eigenen Dorf auf sie aufpassen.

Nach dem Frühstück machte er sich an seine Arbeit. Musste aber immer öfter eine Pause mache. Ihm war kalt. Schrecklich kalt, so als ob er von innen am Erfrieren wäre und nicht einmal der Pullover seiner Mutter half dagegen.

*

Katrin konnte am Abend ihrer Rückkehr kaum einschlafen. Die ganze Zeit drehten sich ihre Gedanken darum, was sie alles erlebt hatte. Fast eine ganze Woche war sie in einem Märchenland gewesen. Hatte Zeit mit dem Weihnachtsmann – nein, den Weihnachtsmännern, -frauen und -wichteln verbracht, sich das Dorf und die verschiedenen Auslieferungsschlittentypen angesehen, die Wunscherfüllungs- und die Geschenkverteilungsroutine erklären und das Postamt und die Fabrik der B-Waren-Reparatur zeigen lassen und Rentiere hinter sicher verschließbaren Stallanlagen gestriegelt. Na gut, ein Rentier. Aber dafür ein Rentierkalb namens Lucifer.
Sie hatte duftende Pancakes gegessen, wunderbar warme von Mama Maros gestrickte Winterkleidung getragen und herausgefunden, dass auch die ganze Arbeit der Santas von eigenen Steuern finanziert wurde.
Ihr Herz machte einen besonders dollen Hopser, als Katrin daran dachte, dass der Bibliothekar sich noch an ihre Sonderwunscherfüllung, an das Buch, welches Nicholas ihr als Dankeschön für das Ausleihen der Ofenbürste gebracht hatte, erinnern konnte.

Schließlich wandten sich ihre Gedanken der Familie mit ihrer ganzen Geschichte und ihrer Herkunft sowie dem Thema „Krampus“ zu und sie verspürte ein Ziehen in der Brust. So ganz ungetrübt war die Idylle nach einem Blick hinter die Kulissen leider doch nicht gewesen. Zum Glück hatte sich alles aufgeklärt, die Vorurteile über sie als Fremde und möglicherweise Verantwortliche aus dem Weg geräumt und es herrschte wieder Sicherheit, aber dennoch blieb ein schaler Beigeschmack. Vor allem was Nicholas’ Verfassung anging. Sie hoffte einfach nur, dass es ihm bald besser gehen und sie ihn dann Weihnachten wiedersehen würde.

Am nächsten Morgen musste sie wieder arbeiten gehen. Die Kinder würden fragen, warum sie eine Woche nicht da war. Ob sie wieder gesund sei, auch wenn sie das nicht gewesen war, und wieder mit ihnen spielen und ihnen Geschichten erzählen würde.
Und WAS für Geschichten könnte sie erzählen!

Aber was DURFTE sie erzählen? Katrin war zur Geheimhaltung verpflichtet, das hatte Nikolai ihr zum Abschied klargemacht. Niemand durfte von dem Dorf wissen, oder zumindest nicht, wo es lag.
Und wie könnte sie gewährleisten, sich nicht etwa zu verplappern oder – aus Nervosität – Widersprüche zu verbreiten?
Sie müsste sich Notizen machen. Notizen und Stichworte zur Reihenfolge der Geschehnisse. Die Namen verfremden, das Dorf anders beschreiben. Sollte in ihrer Version der Geschichte nicht doch die Geschenke lieber alle neu produziert werden? Oder könnte sie damit vielleicht auf die Recyclingmöglichkeit und gegen die Wegwerfgesellschaft ein Statement setzen? Sollte sie den Kindern gegenüber den Krampus erwähnen? Von Vorurteilen und deren Wiedergutmachung sprechen?

Von ihrer Begegnung mit dem waschechten Weihnachtsmann mit Motorschlitten und Rentieren hatte sie bereits berichtet – das müsste sie auch so stehen lassen.
Was also, wenn sie… wenn sie sich nicht nur Notizen machte? Sicherlich ließe sich auch ein ganzes Buch mit der Darstellung der Geschehnisse füllen! Vor ihrem inneren Auge erschien ein Buch, dick eingebunden mit einem roten Lederumschlag, und vorn eine grazile Zeichnung des Wohnzimmers samt angeheiztem Ofen und der im Schaukelstuhl sitzenden und strickenden Natascha.
Die erste Seite dieses Buches würde von den Worten geziert „für Nicholas“ und auf der nächsten würde ihre Geschichte beginnen!
Gerade weit genug von der Wahrheit entfernt, um das Dorf und die Familie und ihre Freunde zu schützen, könnte sie von ihren Erlebnissen berichten.
Meine Woche mit Santa‘ – oh Gott nein, das klänge wie eine Liebesschnulze! Katrins Lächeln verwandelte sich bei dem Gedanken in ein Grinsen. ‚Die Magie des Nordens‘, ja, das hingegen könnte man nehmen.

Mit diesem Gedanken schlief Katrin schließlich ein.

Als sie am nächsten Morgen von der Meute wissenshungriger Kinder umgeben war, von denen sich einige an sie kuschelten und im wahrsten Sinne des Wortes an ihrem Rockzipfel hingen und andere sich bereits hingesetzt hatten und sie um eine neue Geschichte baten, langte Katrin ins Regal, um ein Buch herauszunehmen, das sich mit den Abenteuern der Biene Maja beschäftigte und begann, daraus vorzulesen. Schließlich fing der Sommer gerade an und eine weitere Weihnachtsgeschichte zu erzählen, wäre wahrlich noch zu verfrüht.
Am Nachmittag, nachdem die Kids sich draußen auf dem Spielplatz ausgetobt und begonnen hatten zu malen, fiel Katrins Blick auf einen Prospekt, der in einem Projekt vor einem Jahr entstanden war. Der Kindergarten hatte zu einem Tag der offenen Tür eingeladen und statt Fotos für die Broschüre zu verwenden, waren die spielenden Kinder von einem Zeichner eingefangen und in Bleistiftskizzen verewigt worden. Die Bilder waren sehr gut angekommen und viele Eltern haben sich gewünscht, eine Kopie des Originals, auf dem ihr Kind zu sehen war, zu bekommen.
Auch Katrin hatten die Bilder gut gefallen – trotz der einfachen Skizzentechnik strahlten sie Lebensfreude aus, Bewegung, Dynamik. Der Zeichner hatte es verstanden, die Gesichtsausdrücke festzuhalten, den Bleistiftfiguren einen Charakter zu geben.
Was wäre, wenn Katrin diesen Zeichner für die Arbeit an ihrem Kinderbuch gewinnen könnte? Wenn sie mit ihm zusammen ein Projekt auf die Beine stellen könnte, dessen Ergebnis sie in der Vorweihnachtszeit im Kindergarten vorlesen und ausleihen könnte? Was, wenn sie dieses Buch sogar an einen Verlag vermitteln und die Geschichte so noch mehr Menschen zugänglich machen könnte?
Kurzentschlossen schnappte sie sich die Broschüre, recherchierte im Internet nach den Kontaktdaten und rief den Zeichner an.

Drei Tage später hielt Katrin die ersten Skizzen in der Hand. Noch nicht mal ein Foto hätte den Krampus, die Schlitten und den Stapel Pancakes besser erfassen können als der Zeichner es binnen einiger Minuten vermochte.

Behind the Scenes

Heute gibt es ein Doppelkapitel, ein zusammengefügtes Kapitel und das sogar von zwei verschiedenen Autorinnen (mit kleinen Ergänzungen meinerseits). Nicholas’ Sichtweise stammt von  Irina Christmann, Katrins ist von Nebu. Nebu brauchte drei Ansätze, um diese Fassung so hinzubekommen, wie sie es wollte ohne einfach nur nachzuerzählen, was zuvor schon stand. Auch Irina musste nochmal nachbessern, denn sie ist etwas spät in die Szene eingestiegen und musste zusätzlich noch auf mein vorheriges Kapitel reagieren.

Ursprünglich waren es einzelne Kapitel, aber da an anderer Stelle die Aufspaltungen notwendig waren, musste es eben auch ein paar Zusammenführungen geben und hier passte es auch thematisch ganz gut.

PoiSonPaiNter

© Für Geschichte und Charaktere liegen bei mir. Verwendung oder Weitergabe nicht ohne meine Zustimmung.
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Lies auf Deutsch

I’m sorry so far there is no translation of this door

PoiSonPaiNter

© For the story by me. Do not use or repost either without my permission.

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