Adventskalender: Türchen #21

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Lost in Translation

Es war nicht einfach mit Nicholas zu arbeiten. Seine Antworten waren entweder sehr einsilbig oder nur ein grummeln. Es war frustrierend, aber Katrin gab ihr Bestes, um ihn bei Laune zu halten und ihn dazu zu bringen nicht aufzugeben. Sie würden eine Lösung finden, da war sie sich sicher. In irgendeinem dieser abertausenden Bücher musste der entscheidende Hinweis zur Verwandlung eines Krampus stehen! Es musste einfach!

Um nicht ins Haupthaus zu gehen hatte Nicholas sich ein Lager in einer Ecke der Bibliothek aufgeschlagen, sehr zu Ephraims Missfallen, der ihn dennoch hin und wieder in sein eigenes Bett scheuchte. Dort blieb er allerdings meist nicht lang, denn noch vor Morgengrauen kehrte er wieder in die Bibliothek zurück. Bisher wusste seine Familie nicht, was mit ihm los war. Sie wussten lediglich, dass er während der Auslieferung, nicht unweit von Katrins Wohnort, zusammengebrochen war und sich seitdem zurückgezogen hatte. Letzteres hatte er Katrin ebenfalls gestanden, was ihm eine Standpauke eingebracht hatte. “Warum hast du denn nicht geklopft? Ich hatte alles schon vorbereitet und dekoriert!“, hatte sie ihn geschmipft und auch wenn er sich darüber freute, dass sie tatsächlich auf ihn gewartet hatte, so konnte er ihr seine Gründe nicht nennen. Sie würde es nicht verstehen. Stattdessen hatte er Katrin gebeten ihn nicht zu verraten, auch wenn es ihr schwer fiel und sie ihn immer wieder aufs Neue geradezu anflehte es ihnen endlich zu sagen. “Vielleicht können sie helfen!” oder “Sie müssen doch wissen, was mit dir los ist!” waren ihre Hauptargumente. Nein, er wollte es ihnen nicht sagen bis sie ein Gegenmittel oder etwas gefunden hatten, womit er es kontrollieren konnte. Er wollte nicht zur mörderischen Bestie werden. Er hatte bereits ein Leben genommen und das war bereits eines zu viel. Manche schlaflose Nacht dachte er darüber nach, ob seine Verwandlung dadurch kam, dass er den alten Krampus getötet hatte, aber er kam nie zu einem schlüssigen Ergebnis.

Katrin war nun nahezu täglich bei ihm. Sie kam direkt nach der Arbeit und ging wenn er sie spät nachts rauswarf, wenn sie wieder über einem Buch eingeschlafen war. Auf diese Weise ging sie seiner Familie so gut es ging aus dem Weg und musste sich dennoch nicht frei nehmen – auch wenn sie es sofort getan hätte, wie sie ihm mehrfach beteuerte, aber das wollte er nicht. Er wollte gar nicht, dass sie sich weiter einmischte. Sie sollte einfach ihr Leben weiterführen und ihn, ja, ihn weiter zum Monster werden lassen. Immer wenn er ihr das vorhielt, schallte sie ihn einen Dummkopf. “Freunde lassen Freunde nicht im Stich!” Freunde, mehr waren sie nicht. Es schmerzte wenn sie das sagte und es schmerzte noch viel mehr, wenn Carlos oder Ephraim sie nachts nach Hause begleiteten, damit ihr im Dunkeln nichts geschah. Er wollte sie selbst bringen. Auf sie aufpassen, aber er traute sich nicht aus seinem Versteck.

Als die Haare auf seinem linken Arm sich zu Fell verdichteten und seine Fingernägel zu Krallen wurden, sie aber immer noch keine Lösung gefunden hatten, erlaubte er Katrin endlich seiner Familie zu erzählen, warum er sich abschottete. Die Reaktionen überraschten ihn nicht. Die Blicke, mit denen sie ihn bedachten, als er sich ihnen offenbarte waren mitleidig und verzweifelt. Sie alle schauten hin und wieder nach ihm. Seine Mutter brachte ihm Kekse, Nicole und Klaus halfen gelegentlich mit der Recherche, aber insgeheim wusste Nicholas, dass sie nur sehen wollten, wie weit die Verwandlung vorangeschritten war. Natascha verlangte, dass er nun auch wieder mit ihnen aß und in seinem Zimmer schlief, aber bei jedem Essen konnte er die Blicke auf sich spüren, die die pelzige Seite seines Gesichts anstarrten. Das Horn brach er vorsorglich immer ab. Je mehr Zeit verging, umso mehr ergab er sich seinem Schicksal. Sie würden wohl nie ein Gegenmittel finden.

Die Verwandlung war mittlerweile weit vorangeschritten, mehr als die Hälfte von Nicholas’ Körpers war bereits von Fell übersät, dass nun von beiden Seiten sich immer weiter zu seinem Herzen vorarbeitete. Katrin erzählte ihm gerade von ihrem Tag mit den Kindern und was sie heute für Blödsinn angestellt hatten, als Ephraim vor ihnen stand. Er war vor Tagen aufgebrochen, um irgendeine Art Aufzeichnung zu finden, die ihnen weiterhalf. Scheinbar war er fündig geworden, denn er hielt ein sehr alt aussehendes, in Leder gebundenes Buch in den Armen. Er wirkte müde und erschöpft und Katrin bot ihm sogleich ihren Stuhl an und goss ihm eine Tasse frischen Tee ein. Gebannt warteten die beiden darauf, dass der Bibliothekar etwas sagte, doch dieser konzentrierte sich zunächst auf sich selbst und den wohltuenden Tee.
Endlich sah er sie an. Ein leichtes Lächeln huschte über seine Züge. “Vielleicht habe ich unsere Lösung gefunden”, verkündete er mit vorsichtiger Freude.
Katrin drückte Nicholas’ Schultern, dieser sah nur auf das Buch. Emphraim öffnete sorgsam das Lederband, dass die Buchdeckel zusammenhielt. “Ich bin weit in die Vergangenheit gereist”, erzählte er wie beiläufig, “und bin schließlich doch wieder hier gelandet. Nur, dass hier damals noch ganz anders war. Mit meinem damaligen Vorgänger haben wir festgestellt, dass dadurch, dass ich wohl das Buch ins Jetzt geholt habe, wir es bisher nicht finden konnten, denn dies sind die Aufzeichnungen deiner Ur-ur-ur-wie-auch-immer Großmutter, die über das Leben im Dorf und den Krampus geschrieben hat. Wissen, dass wir heute nicht mehr haben. Weil ich es damals weggenommen habe und es nicht wieder zurückbringen kann, weil es sonst ein Paradox geben würde. Zeitreisen.” Er lachte kurz und bitter auf, dann öffnete er das Buch an der mit dem Leseband markierten Stelle. “Huh, sieht so aus, als wenn der Übersetzungszauber nicht für Zeitreise-Bücher gilt…”, stellte er verwundert fest und drehte es zu den beiden um.
Es war in einer Sprache geschrieben, die keiner von ihnen lesen konnte.
“Ich bringe es zu deinem Großvater, vielleicht kann er das noch lesen”, schlug Ephraim vor und Nicholas bestätigte es nur mit einem Nicken.

“Das ist doch großartig! Wir haben endlich einen Hinweis!”, versuchte Katrin Nicholas aufzumuntern nachdem sie sich wieder neben ihn gesetzt hatte und schüttelte ihn leicht an den Schultern.
“Ja, einen Hinweis, den keiner lesen kann und in dem vermutlich auch nur steht: Gefährlich, frisst unartige Kinder, wegsperren.” Er konnte nicht mehr, egal in welchem Buch sie lasen, überall stand das Gleiche.
Katrin zog ihn in eine Umarmung und er ließ es geschehen. Ihre Wärme und Nähe gaben ihm Kraft, die Kälte in seinem Inneren zu verdrängen, aber lange würde auch das das Unvermeidliche nicht mehr aufhalten können.

Nach einer Weile kam Ephraim zurück. Er wirkte noch erschöpfter als zuvor.
“Er kann es auch nicht lesen”, eröffnete er ihnen, nachdem er einen weiteren Stuhl zu ihnen herangezogen und sich gesetzt hatte, das Buch auf seinem Schoß ruhend. “Dafür hatte Klaus eine Vermutung, warum der Zauber es nicht übersetzt”, ergänzte er und die Faszination etwas Neues entdeckt zu haben, glimmte in seinen Augen, “Er meint, weil der Zauber aus der Zeit aus dem das Buch stammt auf eine andere Sprache ausgelegt war, die wir heute nicht mehr kennen, wird es nicht übersetzt, weil der Zauber immer noch denkt, dass wir sie noch kennen. Es klingt auf eine gewisse Art plausibel, aber vielleicht ist es auch nur so etwas Banales wie eine Chiffre, die erst entschlüsselt werden muss. Wer weiß.” Kurz warf er seine Arme in die Luft, dann seufzte er. “Es tut mir Leid, Nicholas. Er sagte mir, da steht alles drin, was wir wissen müssen, dass wir es nicht lesen können ist schrecklich…”
Für einen Moment starrte Nicholas auf das Buch, dann stand er auf und fegte mit einem Arm über den Tisch und schmiss alles was darauf lag zu Boden. Seine Atmung ging schnell und er krallte sich in die Tischplatte. “Nicholas…”, versuchte es Katrin und strich ihm beruhigend über den Rücken, doch er zuckte weg von ihr. Er wusste nicht, ob er sie womöglich verletzen würde.

“Es gibt noch einen anderen Weg eine Übersetzung zu bekommen”, dachte Katrin laut nach, die Arme fest um sich geschlossen, Nicholas Abweisung schmerzte. Als die beiden Männer sie ansahen, fuhr sie fort: “Wenn ich mich richtig erinnere ist einer der Väter meiner Kinder Linguist, wenn das eine alte Version von norwegisch ist, dann wäre es möglich, dass er oder jemand in seinem Bekanntenkreis es übersetzen könnte. Man könnte zur Not auch irgendwelche Historiker oder Archälogen fragen.”
“Das ist gar keine so schlechte Idee…”, stimmte Ephraim ihr zu und fuhr sich übers Kinn. “Ich würde aber ungern das Original herausgeben, aber ein paar Seiten bekommen wir ja leicht gescannt. Ja, so machen wir das!”, beschloss er schließlich und stand auf, um den Plan in die Tat umzusetzen.

“Du meinst wirklich das bringt was?”, fragte Nicholas vorsichtig in seiner immer kratziger werdenden Stimme.
“Ja, einen Versuch ist es wert”, bestätigte sie ihm bestimmt und legte ihm die Hand auf den Arm.

Mit den gescannten Seiten, digital und als Kopie, machte sich Katrin schließlich auf den Weg nach Hause, aber nicht ohne Nicholas noch einmal fest zu umarmen.

Behind the Scenes

Wenn man eine Bibliothek hat von der aus man in jede Bibliothek kommt, die ist und je war, dann hat das so seine Vorteile. 😀 Ursprünglich waren das hier zwei Kapitel, da es aber doch recht kurz ist, habe ich sie zusammengelegt um Platz zu machen für die Aufteilungen weiter vorne.

Was haltet ihr von der Erklärung mit der Übersetzung?

Auf die Idee mit dem Linguisten bin ich übrigens durch InGenius gekommen, der als Germanist einfach jemand ist, der gerne andere Leute mit Sprach-Wissen zutextet. 😉

Eine Sache, die mir wirklich erst einen Tag vor der Veröffentlichung des vorherigen Kapitels aufgefallen ist, hat mit den Rauhnächten zu tun. Von der Zeitlinie her, sind wir noch mittendrin und es passt irgendwie, dass die Krampus-Verwandlung dann einsetzt, wenn auch zauberkundige Leute sich in Werwölfe verwandeln. 😀
Dadurch, dass mir das so spät erst aufgefallen ist, ist aber keine Erwähnung in beiden Kapitelhälften WANN die Verwandlung eingesetzt hat. Daher hier noch kurz vor knapp das Ganze ergänzt – auch wenn der Begriff Rauhnächte in dem Zusammenhang nicht fällt.

PoiSonPaiNter

© Für Geschichte und Charaktere liegen bei mir. Verwendung oder Weitergabe nicht ohne meine Zustimmung.
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Lies auf Deutsch

I’m sorry so far there is no translation of this door

PoiSonPaiNter

© For the story by me. Do not use or repost either without my permission.

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